Die Geschichte der Modernisierung des Rechtssektors

Legal Tech steht kurz davor, die Arbeitsweise von Rechtsanwälten und Syndizi in einem hohen Maße zu verändern. Hinter dem Begriff verbirgt sich der Einsatz von künstlicher Intelligenz für die zunehmende Automatisierung von Rechtsdienstleistungen. Bereits heute gibt es Programme, die beispielsweise imstande sind, einfache Rechtsfragen zu beantworten. Auch das Ausformulieren von ganzen Verträgen ist möglich. Für den Rechtssektor stellt die Entwicklung den vielleicht bisher größten Schritt in seiner Geschichte dar.

Um dies zu verstehen, bietet es sich an, einen Blick auf die abwechslungsreiche Historie des Rechtswesens zu werfen.

Die Anfänge des Rechtswesens in der Antike

Schon im Altertum gab es in verschiedenen Hochkulturen ein komplexes Rechtssystem. Besonders erwähnenswert ist das alte Rom. Um 450 vor Christus erschien das sogenannte Zwölftafelgesetz. Die Verschriftlichung von Gesetzen war ein großer Fortschritt, da vorher ausschließlich adlige Patrizier oder Priester Zugang zum Recht hatten. Diese legten die nur Ihnen bekannten Gesetze oft zu ihren Gunsten aus. Nach und nach folgten das Zivilrecht und das private Strafrecht. Viele Grundsätze des römischen Rechts sind bis heute Bestandteil unserer Rechtsordnung. Egal ob Schuldner und Gläubiger, Darlehensvertrag oder Hypothek – die römische Gesetzgebung kannte bereits viele Rechtsinstitute. Hierzu gehörte auch die Unterscheidung des Eigentumserwerbs vom Berechtigten oder Nichtberechtigten. Anwälte waren aufgrund des nunmehr komplexen Rechtssystems ebenfalls erforderlich.

Erste Modernisierungen im Mittelalter

Im Rahmen der Völkerwanderung ging das römische Recht zunächst weitgehend verloren. Nach und nach kamen die alten Schriften jedoch wieder zum Vorschein. Dabei verdrängte das römische Recht bald das Gewohnheitsrecht in ganz Kontinentaleuropa. Die Völker Europas übernahmen das römische Recht im großen Stil. Die Universitäten lehrten es zusammen mit dem neuen kanonischen Recht der katholischen Kirche. Hierbei gab es auch erste Neuerungen. So kam beispielsweise der Beruf des Syndikus auf. Hierbei handelte es sich um einen Juristen, der nicht als Anwalt arbeitete, sondern Städte oder Gebietskörperschaften beriet. Dabei verfasste er beispielsweise juristische Gutachten im Auftrag des Rates oder des Bürgermeisters.

Die Verwendung von Bibliotheken als Wissensspeicher

Im Laufe der Zeit kamen immer mehr Gesetze und Rechtstexte hinzu. Während das Zwölftafelgesetz noch auf dem Forum Romanum jedermann zugänglich war, wurde es zunehmend schwieriger, den Überblick zu behalten. Mit der Verbreitung von Bibliotheken gelang es, verschiedene Texte und Gesetze an einem zentralen Ort zusammen zu fassen. Hiermit gelang ein weiterer Durchbruch. Die Recherche zu einem juristischen Sachverhalt gestaltete sich nun wesentlich einfacher. Urteile, Kommentierungen und Fachbücher eröffneten Anwälten und Syndizi neue Möglichkeiten, um ihre Auftraggeber bestmöglich zu beraten.

Vielfältige Veränderungen in der Moderne

Die bisher größten Veränderungen in der anwaltlichen Tätigkeit erfolgten in den letzten Jahrzehnten. Der zunehmende technische Fortschritt erleichterte Anwälten und anderen Juristen den Alltag.

Einführung des Faxgerätes

Einer dieser Meilensteine war die Einführung des Faxgerätes. Das Besondere hieran ist, dass die Übertragungsform das Schriftformerfordernis erfüllt. Vorher erfolgte der Versand wichtiger Dokumente ausschließlich über den Postweg, was eine hohe Verzögerung mit sich brachte. Das Faxgerät ermöglichte es, Schreiben in Sekundenbruchteilen an Gerichte und andere Stellen zu übermitteln. Hierdurch hatten Anwälte und Syndizi plötzlich wesentlich mehr Zeit, um Klageschriften und andere Schreiben auszufertigen. Die für den Postweg erforderlichen drei Tage entfielen. Auch Änderungen und Ergänzungen zu Schriftsätzen sind auf diesem Weg viel einfacher vorzunehmen.

Einführung des Computers in Kanzleien

Auch der Siegeszug der Computer brachte Anwaltskanzleien zahlreiche Vorteile und erleichterte den Arbeitsablauf. Hierbei ergaben sich vielfältige Anwendungsbereiche. Diese fingen bei den generellen Vorteilen einer Textverarbeitung an und endeten bei kompletten Mandanten-Datenbanken. Es war beispielsweise nicht länger notwendig, jedes Schreiben neu zu fertigen. In vielen Bereichen sind Vorlagen heute Alltag. In einfachen Fällen genügt es hierbei, die persönlichen Daten der Mandanten einzugeben. Auch die Buchhaltung und Rechnungslegung gelingt mit einem PC wesentlich schneller und effizienter als von Hand. Umfangreiche Spezialprogramme ermöglichen es, Mandanten einzuordnen, Fristen einzuhalten oder Wiedervorlagen zu verwalten.

Digitalisierung des Wissens im Internet

Den nächsten Schritt in der Entwicklung des Rechtssektors stellte das Internet dar. Extrem umfangreiche juristische Datenbanken wie beck-online stellen dabei jede Bibliothek in den Schatten. Sie liefern Anwälten das gesamte Rechtswissen direkt in die Kanzlei und sparen Zeit und Aufwand. Zusätzlich erleichtern moderne Suchalgorithmen die Recherche. Sie ermöglichen es, die Datenbanken in extrem kurzer Zeit zu durchstöbern und genau die passende Information zu finden. Auf diese Weise ist innerhalb bestimmter Fristen eine wesentlich fundiertere und zielführendere Argumentation in Schriftsätzen möglich.

Pause der Modernisierung seit den 90ern

Nach diesen tief greifenden Veränderungen kam es zunächst zu einer viele Jahre andauernden Pause. Seit den 90er-Jahren gab es außer regelmäßigen Gesetzesänderungen keine grundlegende Neuerung mehr, die die Juristerei revolutionierte. Während die Digitalisierung beispielsweise die Industrie immer weitreichender veränderte, verlief der Anwaltsalltag lange Zeit immer gleich ab. Hinzu kamen allenfalls dezente Neuerungen wie die Nutzung von Audio- und Videokonferenzen zur Kommunikation mit Mandanten und Kollegen.

Modernisierungsboom durch Legal Tech und künstliche Intelligenz

Erst in den letzten Jahren ist ein signifikanter Umbruch zu erkennen. Legal Tech ermöglicht hierbei eine vollkommen neue Form der Rechtsberatung. Grundlage hierfür sind neue Technologien und eine steigende Rechenleistung. Darüber hinaus macht sich der größer werdende Anteil der sogenannten Digital Natives unter den Juristen bemerkbar. Diese verfügen über eine technologisch geprägte Denkweise und gehen altbekannte Probleme ganz anders an.

Die Folge ist ein regelrechter Boom von Legal-Tech-Unternehmen, der immer neue Innovationen hervorbringt. Zu den aktuellen Anwendungsbereichen gehören dabei beispielsweise Programme, die juristische Dokumente komplett selbst anfertigen. Insbesondere die automatische Erstellung von Verträgen aller Art mithilfe einer Eingabemaske erleichtert Anwälten und Unternehmen den Alltag enorm.

Mithilfe von sogenannten Chat-Bots lassen sich sogar Rechtsfragen automatisch beantworten. Rechtssuchende sind damit in der Lage, quasi rund um die Uhr sofort eine Antwort auf Ihre Frage zu erhalten. Kanzleien mit entsprechender Software verfügen daher über einen echten Wettbewerbsvorteil.

Die Zukunft stellt noch weitreichendere Änderungen in Aussicht. So soll eine menschliche Kontrolle von automatisch erstellten Dokumenten durch künstliche Intelligenz zunehmend entfallen. Auch dann sind Anwälte jedoch nicht arbeitslos, da eine Maschine nur bedingt zur Vertretung und Beratung von Mandanten geeignet ist.

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