Kann künstliche Intelligenz den juristischen Sachverstand ersetzen?

Künstliche Intelligenz (KI) hat schon viele Mitarbeiter aus Fabrikhallen verdrängt und sich einen festen Platz im Bank- und Finanzwesen erobert. Auch in Krankenhäusern und auf Erdbeerplantagen machen sich die ersten vollautomatischen Helfer nützlich. Anwaltskanzleien und Rechtsabteilungen aber werden bisher noch vom menschlichen Verstand beherrscht. Juristen müssen immer wieder neue Problemstellungen durchdenken, die sich aus dem individuellen Fall ergeben, denn kein Lebenssachverhalt gleicht exakt einem anderen. Deshalb hält sich in Rechtskreisen hartnäckig die Meinung, dass die juristische Problemlösung Maßarbeit erfordert, die eine Maschine niemals leisten kann.

Seit Kurzem gibt es in einer Großkanzlei in den USA den ersten Anwaltsroboter, der auf Ansprache Recherchen zu dem gewünschten Fall betreibt und Materialien mit Fundstellen zusammenträgt. Auch sogenannte Legal Chatbots, die auf eine eingegebene Rechtsfrage eine Auskunft erteilen, dienen in den USA bereits als Alternative zur kostspieligen anwaltlichen Beratung. Aber werden die menschlichen Juristen bald vollständig durch Roboter ersetzt? Könnte der Robo-Anwalt sich demnächst die Robe überziehen und im Gerichtssaal auftreten? Nein, solche Szenarien sind in absehbarer Zukunft nicht vorstellbar. Vielmehr wird auch in den kommenden Jahrzehnten der Einsatz von Legal Tech auf eng umrissene Bereiche beschränkt bleiben und nur Routinearbeiten umfassen.

Erprobte Ansätze KI-basierter Systeme

Bei der traditionellen Softwareentwicklung erstellt ein Programmierer ein regelbasiertes System, das bedeutet, dass er alle Regeln, nach den die Software funktionieren soll, im Voraus festlegen muss. KI bildet einen Oberbegriff für alle diejenigen Systeme, bei denen das Programm selbst dazulernt, also auch den Programmierer überraschen kann. Zu diesen nicht regelbasierten Anwendungen gehören zum Beispiel Natural Language Processing, Machine Learning und Predictive Analytics. Beim Natural Language Processing liest das Programm einen vom Menschen verfassten Text und versteht seinen Inhalt, soweit dies einer Software möglich ist. Jedenfalls kann das Programm den Kontext aus einer Formulierung erfassen und diese Aussagen ebenso einer anderen Formulierung entnehmen. Also können die Anwender anstelle der Suchworteingabe in ihren eigenen Worten ihr Problem schildern und vom System eine Antwort bekommen. Eine weitere, heute schon erprobte Arbeitsweise der KI ist die Auswertung von großen Datenmengen, um Vorhersagen über die Wahrscheinlichkeit künftiger Ereignisse zu treffen (Predictive Analytics). Das Machine Learning schließlich erlaubt es dem System, aus Versuchen zu lernen und beim Lösen bestimmter Aufgaben mit der Zeit immer treffsicherer zu werden. Die meisten heutigen Legal Operations basieren auf einem dieser Systeme oder einer Kombination aus ihnen.

Legal Tech bei der Vertragsgestaltung und -prüfung

Im juristischen Arbeitsalltag können KI-basierte Systeme vor allem bei der Gestaltung und Prüfung von Verträgen helfen. Beispielsweise unterscheiden sich Kaufverträge über Immobilien nur durch die persönlichen Daten und einzelne Individualabreden voneinander, während etwa 15 von 20 Textbausteinen identisch sind. Wenn die Daten aller Beteiligten und der Immobilie bekannt sind, kann ein intelligentes Programm den vollständigen Vertrag in Sekunden erstellen. Dabei weiß eine lernfähige und bereits erfahrene Software, welche Formulierungen rechtssicher sind und welche Klauseln der Vertrag nicht enthalten sollte.
Auch bei der Überprüfung von Vertragswerken im Hinblick auf bestimmte, neuerdings nicht mehr zulässige Formulierungen kann die KI die entsprechenden Stellen schnell auffinden und den Juristen stundenlanges Aktenblättern ersparen. Außerdem weist die Anwendung auf ungewöhnliche Auslassungen oder sonstige Abweichungen vom Standard hin. Einige Programme zur Vertragsprüfung haben sich in der Praxis schon als sehr effizient und kostensparend bewährt, so zum Beispiel eine KI-basierte Anwendung der Legal Analytics GmbH.

Auch von einer Prognosefunktion kann die Anwaltschaft in begrenztem Rahmen profitieren, denn es gibt bereits Software, die Vorhersagen über den Ausgang eines Gerichtsverfahrens bei einem bestimmten Gericht trifft. Anhand der gesammelten Entscheidungen der beteiligten Richter berechnet das Programm nicht nur eine Wahrscheinlichkeit für das Obsiegen oder Unterliegen, sondern kann auch empfehlen, welche Argumentation am ehesten überzeugen könnte.

Möglichkeiten und Grenzen der KI im juristischen Arbeitsbereich

Künstliche Intelligenz kann aktuell die menschliche Intelligenz nicht vollständig ersetzen und wird es wahrscheinlich auch in Zukunft nicht können. Zwar ist eine Software in einigen Bereichen dem menschlichen Gehirn um ein Vielfaches überlegen, aber es handelt sich um Inselbegabungen. Denn die menschliche Intelligenz besteht nicht nur aus dem IQ, sondern umfasst zudem wichtige soziale und emotionale Kompetenzen. Und die juristische Arbeit zeichnet sich nur zu einem kleinen Teil durch solche Routinearbeiten aus, die ein Roboter übernehmen könnte. Bei Aufgaben, die das eng umrissene Feld verlassen, stoßen maschinelle Helfer schnell an ihre Grenzen. Denn ihnen fehlt jedes Hintergrundwissen und das Gespür für Zusammenhänge. Eine intelligente Software kann aus Bildern oder Wörter ein Muster erkennen, sodass sie etwa die Abbildung einer Apfelsine von der einer Banane unterscheiden kann. Sie weiß aber nicht, was Früchte sind, wo sie wachsen, wie sie schmecken oder welche Bedeutung sie für die Menschheit haben. Juristen befassen sich mit Texten, die schon von einem menschlichen Verstand ohne juristische Vorbildung nicht immer leicht zu erfassen sind. Die Auslegung von Rechtsbegriffen und Gesetzestexten gelingt nur unter Beachtung des Kontexts, der stets historisches sowie kulturelles Hintergrundverständnis erfordert. Und schließlich kann eine Maschine höchstens lernen, in Ansätzen schlussfolgernd zu denken, aber sie kann niemals wertende Entscheidungen treffen. Sie ist bestenfalls in der Lage, Argumente Pro und Contra aufzulisten und so die Entscheidungsfindung der Juristen vorzubereiten.

KI-basierte Systeme können bei der Erstellung und Überwachung von Verträgen von großem Nutzen sein, indem sie den Output erhöhen, Fehler verringern und die Arbeitsprozesse beschleunigen. Außerdem können sie für die lästigen Recherchen eingesetzt werden, die derzeit in Großkanzleien zumeist von jungen Kollegen erledigt werden. Auch die maschinelle Beantwortung einfacher Rechtsfragen kann die Arbeitsabläufe innerhalb eines Unternehmens oder einer Behörde erleichtern und beschleunigen. Diese Neuerungen machen die menschlichen Juristen jedoch nicht überflüssig, denn sie werden als Kontrollinstanz gebraucht und müssen jedem automatisch erstellten Werk den letzten Feinschliff geben. Im Übrigen können sie ihre eingesparte Zeit für die kniffeligen Fragen aufwenden oder sich sonstigen sinnvollen Tätigkeiten widmen. Vielleicht dürfen auch die jungen Anwälte in Großkanzleien, die heute ihren Arbeitstag mit mühsamer Fundstellensuche verbringen, sich künftig über interessantere Tätigkeiten freuen.

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